Ein Wutschreiben

Ich bin wütend und müde zugleich. Ich bin wütend, weil ich müde bin. Und ich bin müde, weil ich wütend bin. Ein Teufelskreis. Mich umgibt eine Müdigkeit, die mich nicht loslässt, die an mir zerrt, die mich verändert. Ich spüre sie, ich fühle sie, ich suhle mich in ihr – Tag für Tag. Und genau das macht mich wütend. In gewisser Weise zumindest. Doch was bedeutet „wütend sein“ überhaupt?

„Das Ding an der Sache ist, dass es gar nicht um DIE geht, sondern darum festzustellen, dass WIR die Wutbürger:innen sind.“*

Das mit dem Wutbürgertum ist ja so eine Sache. Ein Begriff, der diffamiert, der spaltet, der unkritisch verurteilt und keinerlei Widerspruch duldet. Eine Differenzierung fehlt oftmals. Warum sind so viele Menschen in unserer Gesellschaft wütend? Das muss doch einen Grund haben? Weil sie von einer exzessiven Globalisierung abgehängt wurden? Weil sie von einer Politikverdrossenheit durchtränkt sind, von Politikern, die nicht auf die Bedürfnisse des Bürgerinnentums eingehen? Wegen Corona?

„Wir sind wütend darüber, dass die letzten zwei Jahre etwas mit mir gemacht haben. Dass ich wütend auf mich selber bin, aber auch wütend auf diese ganze beschissene Situation.“*

Ja, auch ich bin wütend. Wütend auf mich; vor allen Dingen. Aber wer ist das nicht? Doch darf ich dann überhaupt noch wütend sein auf ein System, das in seinem Kern das Beste ist, das man sich vorstellen kann, dessen Herz aber erkrankt ist, ohne Sicht auf Heilung? Darf ich, ohne direkt selbst davon betroffen zu sein, wütend darüber sein, dass Pflegekräften nach zwei Jahren Pandemie immer noch keine Verbesserung ihrer Arbeitsverhältnisse in Aussicht gestellt werden, dass die Gesellschaft lieber hirnlos klatscht statt handfeste Maßnahmen einzufordern? Darf ich überhaupt auf irgendetwas wütend sein, wenn ich in allererster Linie einfach nur wütend bin auf mich?

„Wir machen es im öffentlichen Raum, weil wir keinen Raum gefunden haben, weil in dieser beschissenen Stadt keine Räume für Kultur und Theater da sind…“*

Ich bin müde. Müde von dieser ständigen Corona-Scheiße. Scheiße hier, Corona da. Es macht mich müde. Oft denke ich mir, „Impft euch doch einfach!“, aber so einfach ist es nunmal nicht. Nein. Aber wäre es nicht schön, wäre es so einfach? Dann könnte ich mich moralisch erhaben fühlen, ich könnte mich selbst besser fühlen und mein Ego wäre an dem richtigen Platz. Kurzzeitig zumindest, bevor das nächste Thema kommt, über das ich mich echauffieren darf. Leider nutze ich kein Twitter.

„…weil alles andere wichtiger ist. Weil es viel wichtiger ist, irgend’ne Fluggesellschaft zu unterstützen, aber die Theater leben ständig im prekären System.“*

Bei all der vermeintlichen Wut, es gibt da ein Problem. Ich bin zu verständnisvoll. Wäre ich es nicht, ich könnte meiner Wut wahrscheinlich einfach freien Lauf lassen. Um mich selbst zu korrigieren: Ich denke, dass ich verstehe. Ich denke, dass ich verstehe, dass die Leute keine Lust mehr auf Corona-Maßnahmen haben, dass sie ihre gewohnte Freiheit wiederhaben wollen. Pseudo-Aktivismus und Coronademos hin oder her, ich denke, ich verstehe sie. Und ich denke auch, dass ich verstehe, dass ein kapitalistisches System auf Profit aufgebaut ist und dass die meisten Menschen in dieser Gesellschaft diesem Ideal unkritisch nacheifern. Ich verstehe sie – und doch muss ich mich dem nicht anschließen. Denn Ungleichheiten und gesellschaftliche Missstände, Korruption, Profitgier und Egozentrismus, sie zerren an mir, ohne dass ich selbst direkt davon betroffen bin – aber auf gewisse Art und Weise bin ich es doch. Sie binden mich zwischen zwei Karren, deren Pferde in entgegengesetzte Richtungen laufen. Ich sehe. Und ich kann nicht mehr wegsehen, so sehr ich es auch versuche.

„Die Situation ist folgende: Wir untersuchen unsere Wut. Und ehrlich gesagt ist das gar nicht so einfach, sich mit seiner eigenen Wut auseinanderzusetzen.“*

Und ja, deswegen bin ich müde; und wütend. Weil ich mich fehl am Platz fühle mit meiner Wut, die im paradoxen Zusammenspiel von Verständnis und Unverständnis immer wieder ihre Richtung wechselt. Die mich antriebslos macht, die mich aktiv werden lässt, die mich wütend macht und gleichermaßen empathiefähig.

„Und mit der Zeit haben wir dann festgestellt, das vielleicht das auch ein großes Problem gerade ist. Dass wir alle in unseren unterschiedlichen Wutblasen sitzen und uns übereinander aufregen. Es geht ja letzten Endes darum, dass es Dialog braucht und dass Polarisierung immer mehr Polarisierung nach sich zieht und immer mehr Trennung und immer mehr Gegeneinander statt  Miteinander.“*

Und eine Frage hüpft in all dem auf und ab, die Antwort dämmert mir bereits: Bin ich selbst Teil dieses sogenannten Wutbürgerinnentums? Wahrscheinlich. Ja. Und wahrscheinlich ist das auch gar nicht so verkehrt. Denn ohne Wut gibt es keine Veränderung…

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Die Produktion „Wutbürger:innen“ des c.t201-Kollektivs beschäftigt sich mit Wut in der jetzigen Gesellschaft. Wo kommt sie her? Können wir etwas dagegen unternehmen? Wo finden sich Schnittpunkte? Und sind wir selber nicht auch Teil des Problems? Den Fokus auf Selbstreflektion legend, hat sich das Kollektiv aufgemacht, um die Bürgerinnen und Bürger der Stadt zu dem Thema zu befragen. Eine Produktion, die sich selbst erst gesucht und letztlich doch gefunden hat, die nur Online stattfindet und die eine wichtige Frage stellt: „Wie nur können wir die Gesellschaft gemeinschaftlich verbessern?“

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*Zitate aus dem Vorwort von Manuel Moser, dem Regisseur der Produktion.

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Foto: c.t. 201-Kollektiv