Lindauer Zeitung /02/26
Performance „Homo+“
beleuchtet queere Liebe und gesellschaftlichen Druck
Ist es die Liebe oder das Geschlecht, das einen Menschen zum Menschen macht, hinterfragt die Performance „Homo+“. Drei Protagonisten stellen sich ihren Identitäten.
Was zählt im Beziehungsleben eines Menschen mehr – die Liebe oder das Geschlecht? Oder ist homosexuell zu sein in den Augen der Gesellschaft schlechter als heterosexuell? Diese Fragen stellt die Performance „Homo+“, mit der das CT 201 – Freies Theater Köln e. V. in Kooperation mit dem Comedia Theater Köln im Januar auf der Hinterbühne des Stadttheaters gastierte.
Drei junge Menschen – eine Frau und zwei Männer – freuen sich über ihr Dasein. Aber nur scheinbar, denn hinter der Kulisse verbergen sich tiefe Verletzungen. Die Inszenierung von Sefa Küskü beeindruckt durch die offene Herangehensweise, die mehr die Problematik aufzeigt als ein haltloses Drama.
Publikum zeigt sich bewegt und ergriffen
Drei große Kisten, auf denen Hannah Holthaus, Jonathan Perleth und Lukas Brzenczek sich positionieren. Sie tanzen zur hippen Musik aus dem Off. Ihre Körper agieren losgelöst, aber bei genauerem Hinsehen wirken ihre Bewegungen automatisiert. Dann Schnitt, Licht an und sie befinden sich im echten Leben. Im Alltag, in dem die ganze Bude nach Tequila stinkt.
Doch plötzlich sind da drei Kassetten – solche aus längst vergangenen Tagen, die in einen Musikrekorder gesteckt gerne Bandsalat produzierten. Diese hier haben Gespräche aufgezeichnet zwischen Vater und Sohn. Immer wieder zögern die drei, sich die Wahrheit anhören zu wollen, besser zu können. „Du bist einfach ein bisschen verweichlicht“, tut der Vater seinen homosexuellen Sohn ab, der aber nicht nachgibt. Ob sich der Vater einen anderen Sohn gewünscht hätte, ob es dann besser für ihn wäre. Als Opfer fühle er sich – nicht mal gefragt habe der Vater, in wen er sich verliebt habe.
Seine Schwester ist es, die immer wieder vermittelt zwischen den beiden. Die sie auf den Boden zurückholt und klarstellt, dass sie es selbst sind, die sich emotionalen Halt geben können. Dafür stehen in dem 70-minütigen Stück unter anderem die Tanzperformances zum Soundtrack von David Bowies legendärem Song „Space Oddity“, aus dem der Refrain „Ground Control to Major Tom“ stammt. Dabei fühlen sie sich frei und unbeschwert, um sich im nächsten Moment dann doch wieder der bitteren Realität zu stellen. Das macht Küsküs Inszenierung aus. Das trägt sie und das nimmt einen mit.
Bewegt und ergriffen zeigte sich das Publikum am Abend von drei Akteuren, deren Dialoge konkret Stellung bezogen, anstatt sich in gängigen Phrasen zum Thema queerer Menschen zu ergehen. Einfach mal outen wollte sich der Bruder ihr gegenüber nicht. „Wofür denn, hat sich doch nichts verändert“, herrscht er sie an. „Rechtfertigen, für jeden Kuss auf der Straße?“ Hiermit trifft er mitten ins Herz. Es gehe um Liebe, nicht um Geschlechter. Auf einer weiteren Kassette ist eine statistische Erfassung von Gewalttaten gegen andere, von der Gesellschaft mehr oder weniger akzeptierten sexuellen Identitäten und Orientierungen zu hören.
Dritte Kassette als Hoffnungsschimmer
Noch versuchen sie, mit einem „uns geht es gut“ zu verdrängen, kommen aber ums Hinschauen nicht mehr herum. Denn immer ist die Angst da – vor einem falschen Wort oder falschem Blick. Einem Hochseilakt gleiche das – allerdings ohne Netz. Der Vater nenne ihn immer Schwuchtel. Den eigentlichen Namen habe er vergessen. Auch Papa kann er zum Vater aus Schamgefühl nicht mehr sagen. Erst als er sich verliebt habe, kam die Erleichterung und das Glücksgefühl. Fazits wie „War doch gar nicht so schlecht, eine Schwuchtel zu sein“ gleicht einer Ironie des Schicksals und ließ einen dennoch aufatmen.
Die dritte Kassette versprach den ersehnten Hoffnungsschimmer. „Lasst nicht zu, dass ihr euch versteckt. Das hält die Welt nicht aus. Glaubt an eure Liebe und quält euch nicht für Vergangenes“, lauteten Mut machende Sätze aus dem Off, die letztlich für alle Menschen gelten könnten, die nicht dem Mainstream entsprechen.
Babette Caesar